Donnerstag, 9. Januar 2014

Als der Herrgott hinauf in den Vinschgau fuhr ...

 ... wusste er nicht recht, wo der Vinschgau anfing. Er befragte darüber seinen Kutscher und erhielt zur Antwort: "Das weiß ich genau, auf der Töll haben sie mir schon die Geißel gestohlen." Andere wieder wissen folgendes: In Naturns ist der Herrgott auf einem Stein gesessen und hat bitterlich geweint. Fragt ihn jemand, warum er so weine: "Ja, weil ich dieses Volk erschaffen habe."

Der durchwanderte Gau stellt eine Welt dar, die von Altertum umflimmert ist, der gegenüber andere Gegenden wie neugebacken erscheinen. Es ist die Welt der rätischen Burgen und mystischen Kirchen, der unfürdenklichen Herrensitze und uralten Bauernhöfe. 

Reichbegütert saß dort die Blüte des rätischen Adels, die Herren von Trasp, Wanga und Matsch und wie sie sonst noch sich benennen mochten.
Dort saßen unter dem schirmenden Gerichtsstab des Churer Bischofs die stiftischen Gotteshausleute und wurden in manch üblen Strauß ihres Stiftes mit den Grafen von Tirol und anderen Grundherren verflochten. Dort lag die Stätte der altgermanischen Landsprachen, wo unter freiem Himmel getadigt wurde wie vor alters. Brennend und sengend sind dort die Engedeiner um eitler Späne willen in das Land hereingefallen. Ein Land voller Rätsel und Geschehnisse, dessen allzeit lebendige Pulsader die alte Vinschgauer Straße war.



Ein Auszug aus "Humor im Etschland" von Dr. Richard Staffler aus dem Jahre 1938. Er schickt dieser Anekdote voraus:
Weil's gerade da herpaßt, möge hier eine Grenzanekdote folgen, zu welcher ich aber schon von vorneherein bemerke, daß die darin enthaltenen Lästerungen nachbarlicher Übertreibung zuzuschreiben sind.