Mittwoch, 9. Oktober 2013

Das Sonnenberger Spinnweibele

Ein einsamer und schwerlich zugänglicher Bergrücken westlich der Ournalm am Sonnenberg trägt den Flurnamen "Plottehöbn", "Kengwond", "Bärnbort" und "Karnoaler Mohd". In dieser einsamen und abgelegenen Gegend befindet sich eine Felshöhle, die in etwa 8,5 m in den Berg hinein reicht. Die Höhle, die schwer zugänglich ist und nur wenigen Einheimischen bekannt ist, wurde in uralten Zeiten von Menschen geschaffen, die hier nach Bodenschätzen suchten. Es gibt vielerorts noch derartige Zeugen frühgeschichtlichen Bergbaus. Viele Sagen und Geschichten erzählen von zwergenhaften Bergknappen, u. a. von den Venediger Männlein, die einst in unseren Bergen nach Erzen und wertvollen Edelmetallen schürften. Die Einheimischen heißen die geheimnisvolle Höhle "Bei der Spinnerin". Der seltsame Name rührt daher, dass man früher aus dem Inneren der Höhle ein Summen hörte, das dem Surren eines Spinnrades ähnlich war. Die Sage erzählt, dass in dieser Höhle eine Frau verbannt war, die hier ihre zu Lebzeiten begangenen Betrügereien abbüßen müsste.

Das Spinnweibele, wie es von den Bewohnern am Sonnenberg genannt wurde, hauste in einer winzigen Hütte im "Hemerwold", unterhalb der Ournalm. Die Einsiedlerin verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Heilkräutern, Beeren und Pilzen, die sie von Zeit zu Zeit auf den Märkten in Meran und Umgebung zum Verkauf anbot. Zu ihrem Unterhalt trug jedoch wesentlich bei, dass sie für die Sonnenberger Bauersleute das Spinnen von Schafwolle besorgte. Als Gegenleistung wurde das Weiblein reichlich mit Butter, Käse und Brot versorgt.

Eines Tages, als die Hochforcher Bäuerin dem Spinnweibele wieder einmal Wolle bringen wollte, war es nicht anzutreffen. Nach Tagen stellte sich heraus, dass die Einsiedlerin von einem Marktgang nicht zurückgekehrt war. Erst nach Jahren entdeckte ein Fischer zufällig ihre sterblichen Überreste in der Etsch. Die Sonnenberger bedauerten das tragische Ableben der Einsiedlerin, die sie für gewissenhaft und ehrlich gehalten hatten. Jahre später stellte sich heraus, dass die Spinnerin die Bauersleute betrogen hatte, indem sie Wollknäuel verkauft und den Erlös für sich behalten hatte.

Einst verirrte sich der Forcher Jörg, ein junger Ziegenhirt vom Gruberhof, auf der Suche nach einer verlaufenen Ziege zu der oben beschriebenen Felshöhle. Da vernahm er aus dem Inneren deutlich das Surren eines Spinnrades und gleichzeititg das klagende Stöhnen einer Frauenstimme: "Wem soll i s'Geld geb'n, des i im Hemerwold versteckt hon?"
Der furchtlose Bursche antwortete ohne Umschweife: "Gib's den rechtmäßigen Besitzern!"

Diese mutige Antwort muss die arme Seele erlöst haben, denn sofort hörte das Surren des Spinnrades auf und er vernahm eine ruhige Stimme, die immer leiser wurde und schließlich ganz verstummte: "Vergelt's Gott, Jörg, vergelt's Gott ..." Die Frau, die zu Lebzeiten vom Geizteufel besessen war, hatte das Geld, das sie unrechtmäßig erworben hatte, im Hemerwald versteckt, wo es sich noch immer befinden soll ...

(Auszug aus dem Partschinser Dorfbuch von Ewald Lassnig)